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Die Absurdität des Augenblicks

Ja, ich habe es hinter mich gebracht. Und ich lebe. Ganz gut sogar. Ich bin zwar mit einem sehr unangenehmen Gefühl in der Magengegend erwacht, konnte mich aber, bis etwa eine Stunde vor dem Termin, sehr gut ablenken. Dann wurde es schwierig. Ich begann zu frieren, zu zittern, hatte Schluckbeschwerden und war so nervös, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte. Am liebsten wäre ich umgedreht, nach Hause gefahren und hätte die ganze Sache abgeblasen. Was man siebzehn Jahre ausgehalten hat, hält man doch sicher auch länger aus. Oder ? Theoretisch vielleicht schon, praktisch nicht. Also Hintern in den Bus geschwungen und losgefahren.

Dort angekommen übergab ich ihm also den USB-Stick mit den Bildern, die ich mühevoll aus dem Internet zusammengeklaubt hatte, ohne groß darüber nachzudenken. Es waren einige sehr delikate, ausnahmslos solche, auf denen man das Erbrechen auch erkennt und nicht nur erahnen kann. Auch er hatte noch einige zusammengetragen, allerdings auch solche, die mich gänzlich kalt ließen, weil man darauf lediglich Personen sah, die sich offensichtlich vor Übelkeit oder Schmerzen krümmten, das Gesicht verzogen oder schon neben dem Klo standen. Das konnte ich mir eigentlich problemlos ansehen. Schwieriger wurde es dann bei den Situationen, die die Menschen eindeutig beim Akt des Erbrechens zeigten. Das löste schon eine gewisse Übelkeit aus, Spannung und Angst, aber in einem Maße, was erträglich war. Ich bemerkte überdies, was für enorme Schwierigkeiten ich hatte, mich wirklich nur auf die Bilder zu konzentrieren. Ständig schweiften meine Gedanken ab - meine Güte, wer fotografiert Menschen in solchen Situationen ? Die hält ja beim Kotzen noch 'ne Zigarette in der Hand! Wäre es für den nicht sinnvoller gewesen, sich beim Kotzen vor's Klo zu knien, statt sich hinzustellen ? Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren, um sich nicht mit dem zu beschäftigen, was da vordergründig zu sehen war. 

Während ich also die Bilder betrachtete und versuchte, mich nur darauf zu konzentrieren, begann der Therapeut, auf mich einzureden. Diesem Mann war bestimmt sehr schlecht, er krümmt sich vor Übelkeit, haben Sie das auch mal erlebt ? Er spürt den bitteren Geschmack im Mund, spürt es in der Nase, wie es ihm die Kehle hochsteigt. Es riecht unangenehm. Dadurch, dass ich wusste, welchen Zweck dieses Gerede verfolgt - nämlich ganz bewusst und kontrolliert meine Anspannung zu steigern - war es nicht ganz so erfolgreich wie es hätte sein können. Aber es hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, mich besser in die Situation hineinversetzen zu können. Nach fünfzig Minuten war der Spuk dann auch vorbei und ich glaube, ich habe mich ganz gut gehalten. Ich konnte weitgehend problemlos mit dem Bus nach Hause fahren und werde jetzt die Woche über beobachten, wie sich die Empfindungen entwickeln. Denn auch, wenn ich die Konfrontation durch die Bilder selbst ganz gut überstanden habe, haben sich die Bilder natürlich in mein Gedächtnis gebrannt. Nicht vordergründig, aber so, dass ich sie jederzeit wieder abrufen könnte. Wenn ich nun wieder einmal unterwegs bin und mir schlecht ist, werden sie wohl aus der Versenkung auftauchen und die Übelkeit verstärken. Das nächste Mal wollen wir uns allerdings kleinen Videoclips widmen. Das wird wesentlich delikater und schwieriger. 

Das Ende der Sitzung bot dann allerdings wenigstens etwas zu lachen für beide Seiten, als der Therapeut mich anblickte und sagte: Mir ist jetzt glatt ein bisschen schlecht.

 

9.3.11 20:18
 
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